„Gebrauchter“ Hund ?

Es war ein eisig kalter Tag im Dezember. 2 Wochen vor Weihnachten. Mit gemischten Gefühlen betrat ich das Tierheim. Einerseits fest entschlossen, aber auch unsicher. Kann ich das wirklich? Einem Hund ein gutes Zuhause bieten? Klar, in meiner Kindheit und Jugend lebte ich schon mit Hunden zusammen. Der Abschied für immer war schmerzhaft. 10 Jahre sind vergangen. Ich fühlte mich bereit für einen Vierbeiner an meiner Seite. Aber konnte ich die Verantwortung tatsächlich gut erfüllen?

Mit einer Mischung aus Mitleid und Begeisterung schritt ich durch das Tierheim. Vorbei an den einzelnen „Zellen“. Die meisten Hunde machten sich lautstark bemerkbar. Andere lagen einfach nur rum, blickten wenig fröhlich durch die Gegend. Ich würde auch so aussehen, würde ich da drin sitzen, dachte ich mir.

Ich ertappte mich dabei, wie ich die Vierbeiner zu bewerten begann – zu alt, zu klein, zu laut. Waren das wirklich die Kriterien nach denen ich suchte? Kaum hatte ich über mein „Entscheidungssystem“ nachgedacht, packte mich ein Blick aus wunderschön warmen Bernsteinaugen. Sie blickten mich kurz an. Ich blickte zurück. Und schon wandte sich der Blick auch wieder ab. Ruhig und unglücklich.

Ich trat näher. Das mittelgroße vierbeinige Geschöpf saß da auf den kalten Fliesen. Drumherum Pinkellachen und ein Haufen. Ein unwürdiger Anblick, wenn auch das Tierheim noch eines der tierfreundlicheren war. Die Nase streckte sie ab und an in die kalte Winterluft und beachtete mich kein Stück. So stand ich vor dem Gitter und betrachtete die mittelgroße Hündin. Sie war in hellen und dunklen Brauntönen gescheckt. Auch an der Stirn. Dieses Muster erschien auf ihrem Kopf wie Sorgenfalten. Dazu die großen Stehoren, die einer Hyäne gleich kamen. Ich betrachtete sie und begann ihren Steckbrief außen an der Zelle zu lesen. 8 Jahre sollte sie bereits alt sein, bereits zwei Halter gehabt haben und nun schon 3 Jahre in diesem Tierheim. Mit anderen Hunden wäre sie nicht verträglich.

„Zu alt“ schoß es mir durch den Kopf und ich rügte mich selbst für diesen Gedanken. „Zu kompliziert“ sagte der nächste Gedanke. Schließlich mutete ihr nicht gerade eine Kuscheloptik an und dass der Hund andere Hunde nicht leiden kann, ist auch keine Optimalvorstellung.

Ich blieb noch ein wenig stehen und betrachtete sie, während sie mich ignorierte. Ich entschied, noch ein Stück weiter zu gehen. Doch bei jedem weiteren Hund, den ich betrachtete, musste ich an diese Hündin mit ihren Bernsteinaugen denken.

Nach einigen Minuten ging ich zurück zu ihr. Hockte mich an das Gitter. Die Hunde drumerhum machten wieder Alarm, sodass sie nach draußen kam, um die Situation zu begutachten. Ich hielt ihr ein Leckerchen durch die Gitter hin, wollte mit ihr ersten Kontakt aufnehmen und sagte zu meiner Begleitung: „Meinst du, sie kann schon „Sitz“?“. In diesem Sekunden kam die Hündin bereits ans Gitter, setzte sich ruhig und wartete ebenso geduldig auf ihre Belohnung, die sie selbstverständlich auch bekam.

In diesem Moment hatte auch mein Verstand kapiert:“Wir beide gehören zusammen“.

Einige Wochen und Spaziergänge später war es dann soweit. Ich konnte meine Bernsteinaugenhündin aus dem Tierheim abholen. Sie freute sich, mich wiederzusehen und japste fröhlich, als sie in mein Auto einstieg.

Sie freute sich riesig über ihr vorbereitetes Hundebett und erkundete neugierig ihr neues Zuhause.

Nun, 7 Jahre später, ist an ein Leben ohne meine Bernsteinaugenhündin nicht mehr zu denken. Es stellte sich heraus, dass sie doch jünger war, als im Tierheim angegeben. Und es stellte sich heraus, dass sie mit steigendem Vertrauen in ihre Umwelt auch Souveränität gewann und so durchaus gut mit anderen Hunden auskam. So gut, dass sie vor 5 Jahren einen Zweithund zur Seite gestellt bekommen hat und die Beiden sehr gut miteinander auskommen.

 

Was ich damit sagen will?

Ein „gebrauchter“ Hund ist niemals ein schlechterer Hund und ich wünschte, dass sich noch viel mehr Menschen für Hunde aus dem Tierheim und dem Tierschutz entscheiden und diesen liebenswerten Geschöpfen ein tolles Zuhause geben.

Wie man an unserer Geschichte sieht, sind auch „Macken“ durchaus änderbar. Man muss es eben wollen. Man muss vertrauen, mutig sein, geduldig sein und auch trainieren.

Das können „Second-Hand“-Hunde ebenso gut – vielleicht sogar besser – als Welpen aus Rassewürfen.

Für mich gibt es kaum etwas schöneres, als das erste Foto meiner Bernsteinaugenhündin im Tierheim zu sehen und zu wissen, dass sie tief schlafend, schnarchend, gut genährt, gesund und friedlich in ihrem Hundebett liegt und ein Hund mit glücklichen Bernsteinaugen ist.

 

„Gebrauchter“ Hund ?
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